Was Annaturja tut ...
Auf dem Land aufgewachsen, in der Kindheit freiwillig fast vier Jahre in die Großstadt verpflanzt (Ballettschulausbildung), dort mich zwei Jahre lang jede Nacht vor Heimweh in den Schlaf geweint, wusste ich eigentlich schon damals, was ich um mich brauche, um mich wohl und ganz zu fühlen.
In meiner Jungerwachsenenzeit hat es mich noch ein paar Mal in die Welt hinausgezogen, zum Auftanken bin ich immer wieder zurückgekehrt. Vor über drei Jahren habe ich mich endgültig in meinem Heimatdorf verwurzelt, ich nenne jetzt ein bisher noch wenig charmantes, aber sehr altes (ca. 250 Jahre) Haus mein eigen. Ich denke oft und gern darüber nach, was dieses Haus schon alles erlebt haben mag - als Gutsverwalter- und Gasthof, Fleischerei, Sparkassenfiliale, Arzt- und Gemeindeschwesternstation.
Einen Großteil meiner Kindertage habe ich bei meinen Urgroßeltern verbracht, die ich sehr liebte. Diese beiden haben mir wohl die Verbundenheit zur Natur und die Begeisterung für die Dinge, die in unserer Vergangenheit liegen, ins Herz gepflanzt. Zugegeben, klingt sentimental. Ich bin halt ein wenig wunderlich. Statt mit großem Bruder und anderen Dorfkindern in Bäu- men rumzusteigen, bin ich lieber darunter gekrabbelt und hab Kräuter gesucht. Und Beeren. Und Pilze. Und habe sie stolz meiner Uroma heimgebracht. Später hab ich sie nur noch für mich heimgetragen…
Wieder ein Stück später hab ich meine Kinder mitgeschleppt in den Wald. Die hatten damals ein recht gutes Wissen über Wildpflanzen. Jetzt sind sie dabei, erwachsen zu werden und (hoffentlich) herauszufinden, was ihnen gut tut. Deshalb schleppe ich seit drei Jahren oft meinen Mann mit. Wer die Männer kennt, weiß, dass das meist ein großes Opfer für sie bedeu- tet. Als ich genug Tees und Kräutertinkturen für mehrere Jahre Erkältungen und Hautaus-schläge hatte, hab ich überlegt, was man noch so alles mit den Gaben der Natur anstellen könnte. Von Berufeswegen schon mit der Verarbeitung von Naturmaterialien befasst, habe ich (kuschel- und wärmeliebend) vor gut 15 Jahren die Pflanzenfärberei von Wolle für mich entdeckt. Ein neuer Kosmos erschloss sich mir.
Naturfarben einzufangen und dauerhaft auf etwas zu bannen, das du ganz praktisch nutzen kannst, ist ein extrem lehrreicher, spannender und befriedigender Prozess. Diese Wolle dann zu verspinnen, zu weben, zu filzen macht das Erlebnis rund. Da ich aus Prinzip nur Wolle verarbeite, die ich von Schäfern (deren Schafen!) meiner Umgebung beziehe, sind den Verwendungsmöglichkeiten aber ein paar Grenzen gesetzt. Superzarten Filz, der sich auch mal pur auf der Haut gut tragen lässt, kann man mit dieser Wolle kaum herstellen. Dafür hatten unsere Vorfahren die Leinenweberei. Für z.B. Teppiche, auf denen sich Mensch, Katze und Hund wohl fühlen, ist sie aber bestens geeignet. Ich meine, bis auf eine Ausnahme kann man prinzipiell aus der Wolle jeder Schafrasse einen haltbaren Filz herstellen. Vorausgesetzt, du bringst die nötige Beharrlichkeit mit. Wen die Pflanzenfärberei interessiert, dem empfehle ich unbedingt einen Besuch des Thüringer Färberdorfes Neckeroda. Dort findet jedes Jahr im August ein wirklich erlebenswertes Färberfest statt. Außerdem übers Jahr verteilt verschiedene Workshops und Symposien rund ums Thema Wolle und Farbe. Die ganze Umgebung überhaupt ist für Wanderer einen Urlaub wert.
2006 habe ich dann wieder etwas Neues für mich entdeckt. Seife. Handgemachte Seife. Noch ein Weg, Natur einzufangen. Im Zuge der Frage, wie ich effektiver die Schweißwolle sauber bekomme (und traditionell orientiert), stieß ich auf die Möglichkeit, Öle mit Holzaschenlauge zu verseifen und diese für die Wollwäsche zu nutzen. Ich muss aber sagen, dass ich davon recht schnell wieder abgekommen bin, weil ich feststellte, dass die Filzfähigkeit der gefärbten Wolle darunter sehr leidet. Vielleicht hab ich dabei auch ein paar Fehler gemacht, schließlich wurde Wolle schon vor einigen Tausend Jahren mit selbst hergestellter Seifenlauge behandelt. Bei passender Gelegenheit werde ich also diese Versuche wieder aufnehmen und dann hoffentlich mit Erfolg belohnt. Angeregt jedenfalls durch diesen Prozess und das Benutzen von richtig guter Olivenölseife beim Filzen meiner pflanzengefärbten Wolle (und meinem wachsenden Bedürfnis, einen Ausgleich zur wenig duften Schweißwoll-wäsche zu finden,) war es wohl nur folgerichtig, dass ich für mich die Möglichkeit entdeckte, Seife zu machen, die auch meiner Haut gut tut.
Auf einem ziemlich bekannten Marktspektakel in meiner Umgebung hab ich damals handge-machte kalt gerührte Pflanzenseifen entdeckt, die auch für empfindliche Haut geeignet sein sollten. So wurde mein Ehrgeiz endgültig geweckt. Ich musste es einfach probieren. Und beim Probieren ist es nicht geblieben. Ziemlich schnell hab ich mir mithilfe des Internets das grundlegende Wissen („naturseife.com“ und speziell dem „seifenrechner.de“ dort sei Dank) angeeignet und gücklicher- oder folgenschwererweise war meinen dann selbst entwickelten Rezepturen von Anfang an Erfolg beschieden. Folgenschwer deshalb, weil die Seifensiederei wirklich ein gewisses Suchtpotential besitzt. Aber eben eines, das mir selbst und anderen gut tut. Ich kann hier mit vielem Guten, das Schafe (Lanolin, Milch), andere Tiere (Milchprodukte, Honig…) und Pflanzen (Öle, Farben, Peelingzusätze, Düfte) zu bieten haben, meine Verbun-denheit zur Natur in einem sehr umfassenden Sinn leben. Und ich habe damit ein weiteres Mittel an die Hand bekommen, mich und alle, die es möchten, sensibel zu halten für traditionelles Handwerk und die Schützenswertigkeit unserer natürlichen Umgebung.
Danke für dein Interesse.
Das Feedback Gleich- oder auch Andersgesinnter ist mir willkommen.
Vielleicht bis bald.
Wen nicht interessiert, was vor ihm war, der wird auch wenig Verständnis für Generationen aufbringen, die nach ihm kommen.
Arnulf Baring (Dt. Politikwissenschaftler u. Historiker, * 1932)